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Veranstaltungs-Podium. Links neben der gerade sprechenden Bezirksamtsleiterin Melzer sitzt Pastor Hofmann

Als Pastor der Christuskirche zu Othmarschen sehe ich mich oft mit Vorurteilen konfrontiert.

Ein Vorurteil ist zum Beispiel, dass der Othmarscher an sich unter seiner Othmarscher Käseglocke lebt und ihm der Rest der Welt vollkommen egal ist. Im Laufe der letzten 8 Jahre bin ich zur Überzeugung gekommen, dass man da dem Othmarscher an sich Unrecht tut.

Dieses gilt auch für unser heutiges Thema: Seit November letzten Jahres wissen wir durch das Elbe Wochenblatt, dass eine Wohnunterkunft auf dem Holmbrook angedacht ist. Seitdem formiert sich eine große Gruppe, die bereit ist, dieses Projekt mit zu unterstützen:

Als wir im Februar zu einer ersten Informationsveranstaltung einluden, stellten wir wagemutig 50 Stühle in unserem Gemeindesaal auf und ich weiß noch, wie Frau Brakhage meinte: Sie sind ja optimistisch. Ähnliches dachte ich auch. Es kamen an diesem ersten Abend 200 Menschen, von denen sich sehr viele in Listen eintrugen, um ihre jeweiligen Gaben und Kompetenzen mit einzubringen. Es vergeht mittlerweile fast kein Tag, an dem mich nicht einer  anruft oder anmailt: Ich möchte mithelfen.

Zum gegenwärtigen Stand:

Die Initiative Holmbrook ist ein Zusammenschluss verschiedener Gruppen unter den Kirchendächern der Tabita- und Christusgemeinde. Sie ist ausdrücklich offen für alle Menschen guten Willens. Im Moment stehen wir in Kontakt mit ungefähr 200 hilfsbereiten Menschen aus verschiedenen Gemeinden, Konfessionen und Stadtteilen, mit und ohne kirchliche Bindung.

Auch das, behaupte ich, ist für viele eine neue Erfahrung. Hüben wie drüben.

Wir sind in unserer Gruppe übereingekommen, dass es nicht sinnig ist, jetzt schon haargenaue  Konzepte zu entwickeln, um nachher dafür die passenden Flüchtlinge zu suchen. Darum haben wir jetzt auch noch keine Kleiderkammer, keine Hausaufgabenhilfe, keine Fußballturniere geplant. Auch wenn manche es schon wollten: Es wurde auch noch kein Kuchen gebacken. Das kann alles kommen, aber erst, wenn wir wissen, wer denn zu uns kommt. Uns ist wichtig, erst den Bedarf zu ermitteln, um dann etwas zu entwickeln, und zwar möglichst nicht nur für die Flüchtlinge, sondern mit ihnen.

Darum drücken wir im Moment manchmal auch auf die Bremse und hoffen gleichzeitig, dass uns Fördern & Wohnen so schnell als möglich mit den nötigen Informationen versorgt.

Was haben wir bisher getan?

  • Wir haben uns zunächst überlegt, was wir im Moment für unsere Arbeit brauchen. Es gibt ein Koordinationsteam, zu dem Pastorin Geray von der Tabitagemeinde, Frau Lühmann, Herr Knigge und ich gehören, wir schaffen Strukturen und koordinieren.
  • Wir sind in Kontakt mit der BASFI, fördern und wohnen und dem Bezirksamt.
  • Ein Rechercheteam schaut sich andere Initiativen und Einrichtungen an, um aus ihren Erfahrungen zu lernen.
  • Unsere Öffentlichkeitsarbeit hat einen Internetauftritt konzipiert und kommuniziert intern und extern. (Kurzer Werbeblock: www.Holmbrook.de)

Dann haben wir uns überlegt, welche Felder – egal wer kommt – eine Rolle spielen werden und wir haben folgend Arbeitskreise gegründet:

  • Erstens: Sprache und Bildung. Einerlei wer kommt, es ist wichtig, dass diese Menschen möglichst schnell Deutsch lernen. Darüber hinaus ist vieles denkbar in Sachen Bildung: von Nachhilfe in der Grundschule bis zum Job-Mentoring für Erwachsene. Das entscheidet sich am Bedarf.
  • Zweitens: Eine Willkommensgruppe gibt es, die Brücken bauen und Hilfe koordinieren soll. Das können Menschen sein, die Patenschaften übernehmen, Ausflüge oder Feste organisieren, den Fremden zeigen, wie die Stadt Hamburg funktioniert: vom Arztbesuch bis zum HVV-Automaten und und und. Es gibt Ideen von Fahrradwerkstätten und Laufgruppen, Frauencafés und Sportturnieren. Auch hier: Schaun wir mal, wer kommt.
  • Drittens: Rechtsberatung. Es ist angedacht eine regelmäßige Sprechstunde für rechtliche Fragen einzurichten, Behördengänge können begleitet, der Rat der Flüchtlingsberatung Fluchtpunkt eingeholt werden.
  • Und zuletzt: die Arbeitsgruppe Gesundheit. Wir versuchen ein Netz von Medizinern aufzubauen, das schnell und unbürokratisch helfen kann, und wir hoffen auch, therapeutische Angebote machen zu können. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Menschen, die zu uns kommen traumatisiert sind. Hier brauchen wir auch Hilfe für die Helfer, zum Beispiel Fortbildung und Supervision in diesem Bereich, aber auch in anderen.

Das in Kürze zu den Arbeitskreisen.

Kommen wir auf die Vorurteile vom Anfang zurück. Manche Menschen scheinen zu glauben, der Flüchtling an sich ist ein guter Mensch. Andere glauben genau das Gegenteil. Die Wahrheit wird (wie bei uns auch) wahrscheinlich in der Mitte liegen. Ich glaube, es ist gefährlich, allzu euphorisch an die Sache heranzugehen. Was wir brauchen ist Nüchternheit und einen langen Atem.

Fest steht, dass viele der Menschen, die unter uns wohnen wollen, in ihrer Vergangenheit Entsetzliches erlebt haben. Wir haben jetzt die Möglichkeit, den Prozess mit zu gestalten. Damit tun  wir nicht nur den Menschen, die zu uns kommen etwas Gutes, sondern auch uns selbst. Ich hoffe, es gelingt uns, auch diejenigen, die im Moment noch berechtigte Fragen haben, an diesem Prozess zu beteiligen.

Ich darf sicher auch für meine Kollegen aus den anderen Gemeinden sprechen:

Für uns ist es keine Frage, dass wir als Kirche gefordert und herausgefordert sind, den Menschen am Holmbrook zu helfen. Fremde zu beherbergen gehört seit vielen Jahrhunderten zu den Werken der Barmherzigkeit unserer Kirche. Ohne jemandem zu nahe treten zu wollen, dass unsere Gäste in Othmarschen einen menschenfreundlichen Ort finden, das kann die Politik allen nicht leisten, dazu braucht es uns.

Wer von Ihnen Interesse hat mitzuwirken: Zufälligerweise habe ich ein paar Zettel dabei, in die Sie sich eintragen können, wenn Sie mithelfen wollen.

Ganz herzlichen Dank.

Beitrag von Pastor Martin Hofmann auf der Veranstaltung am 13.04.2015

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