Mehmet, als 17jähriger allein aus Afghanistan geflohen…

Interview-Reihe DIE HOLMBROOKER


…aber inzwischen gut hier angekommen!

Ich lerne Mehmet beim Deutschunterricht in der Loki-Schmidt-Schule kennen. Eines Nachmittags kommt ein attraktiver 17jähriger Junge herein, der schon gut Deutsch spricht, seine Kenntnisse aber gern verbessern möchte, zumal er hier noch keine Schule besucht. Warum nicht – das ist eines der Rätsel der deutschen Bürokratie, die Mehmets Alter erst gründlich feststellen wollte, weil man ihm seine eigenen Angaben nicht ohne weiteres glaubte. Mehmet ist Ende vergangenen Jahres als unbegleiteter Flüchtling aus Afghanistan nach Hamburg gekommen. Die ersten Tage hier waren ein Desaster – allerdings mit einem überaus glücklichen Ausgang. Denn obwohl hier sein Freund Amiri lebte, die einzige Person, die er kannte, sollte er zunächst gleich weiter nach Lübeck geschickt werden, wo das Gros der unbegleiteten Flüchtlinge untergebracht war. „Das geht so nicht, dann reise ich weiter nach Schweden“, sagte Mehmet.

„Kanntest du denn jemand in Schweden?“, frage ich ihn.

„Nein, natürlich nicht“, antwortete Mehmet, „aber in Lübeck kannte ich ja auch niemanden.“

Unglaublich, dieser Mut, denke ich, doch dann wird mir klar, dass eine Fahrt nach Schweden vermutlich die einfachste aller Mutproben ist, die Mehmet auf seinem langen Fluchtweg von Afghanistan nach Deutschland bestehen musste.

„Wir alle haben in jeder Stadt, in jedem Land auf dem Weg hierher eine Geschichte“, sagt Mehmet mit Augen, die schon viel gesehen haben. „Das kann man nicht vergessen.“

Wo und wie hast du in Afghanistan gelebt?

„Ich komme aus Paghman, einem sehr schönen Dorf etwa 20 Minuten von Kabul entfernt. Mein Vater ist Landwirt, wir besitzen ein paar Kühe und Schafe. Ich bin der Älteste von acht Geschwistern, ich habe drei Schwestern und fünf Brüder im Alter von ein paar Monaten bis 16 Jahre. Wir leben in drei Zimmern, die Kleinen schlafen bei den Eltern, die größeren Kinder alle zusammen. Auch meine Oma lebt noch bei uns.

Warum bist du von Paghman weggegangen?

Unser Leben ist sehr schwer. Es gibt keine guten Schulen und man kann nicht gut leben. Mein Vater hat ein steifes Bein, vermutlich eine Kriegsverletzung, er spricht nicht darüber, um uns nicht traurig zu machen. Dadurch ist es für ihn schwer, zusätzlich auf dem Bau als Tischler zu arbeiten, denn allein von der Landwirtschaft können wir nicht leben.

Wie lange bist du in die Schule gegangen?

Fast acht Jahre lang. Daneben habe ich meinem Vater geholfen und habe jeden Morgen vor dem Unterricht in einer Salzfabrik gearbeitet. Wir hatten nicht genug Geld, um eine Privatschule zu bezahlen, denn nur dort gibt es regelmäßigen Unterricht, in den staatlichen Schulen heißt es oft: Heute fällt der Unterricht aus! Trotzdem zahlt man 25 Dollar pro Monat; wir rechnen in Dollar.

Wie viel verdient dein Vater?

150 Dollar im Monat. Das Durchschnittseinkommen in Afghanistan liegt bei etwa 200 Dollar im Monat. Nur die Leute, die auf den amerikanischen Basen arbeiten, verdienen gut. Ich habe zwei Monate in der Küche eines Schlafcamps gearbeitet, wo Leute wohnten, die für die Amerikaner arbeiteten. 250 Dollar habe ich da verdient.

Warum hast du da aufgehört?

Eines Tages sagte mein Vater: „Du musst irgendwo anders hin zu gehen und möglichst viel lernen. Wir wünschen uns ein gutes Leben für dich, du musst es versuchen!“

Meiner Mutter war sehr traurig, sie sagte: „Du bist mein großer Sohn, du musst bleiben!“

Aber hier kann ich nicht bleiben, es gibt keine Arbeit und kein Geld, habe ich geantwortet. Ich muss hier weg!

Wie war das Leben in Afghanistan unter den Taliban?

Als ich wegging, waren 28 von 34 Städten in den Händen der Taliban. Das bedeutet kein Kino, keine Musik, sondern nur in die Moschee gehen, beten und das tun, was die Taliban wollen. Daher hat es mich anfangs hier so erstaunt, dass die Leute frei sind und tun können, was sie wollen. Bei uns dürfen die Frauen nicht arbeiten und nicht Auto fahren.

Wie bist du denn eigentlich nach Hamburg gekommen?

Ich hatte 2013 schon einmal versucht, aus Afghanistan wegzukommen, bin aber kurz darauf aus Griechenland wieder abgeschoben worden. Jeder Schlepper hat dort ein Haus, wo Flüchtlinge wohnen, bis sie weiter können. Pro Nacht musst du fünf Dollar an den Schlepper zahlen. Dort, im Haus eines Schleppers, habe ich meinen Freund Amiri kennen gelernt, der auch aus Afghanistan kommt.

2014 ging ich dann für acht Monate zu einem Onkel im Iran und habe mir mit dem Bauen von Möbeln Geld verdient. Danach wohnte ich etwa drei Monate bei einer Tante in der Türkei. Für 1000 Dollar hat mich dann ein Schlepper nach Griechenland gebracht. Von dort ging es mit einer Familie weiter nach Deutschland, nach Ellwangen bei Stuttgart. Dass es in ganz Europa keine Grenzkontrollen gab, hat mich überrascht.

Mit Amiri hatte ich über Facebook Kontakt, er fragte: „Wo bist du?“ und erzählte mir, dass er in Hamburg gelandet sei. Also bin ich mit dem Zug nach hierher gefahren – schwarz, ich hatte ja kein Geld mehr. Amiri hat mich dann abgeholt und sich um mich gekümmert. Bis ich schließlich über Umwege bei Filiz und ihrer Familie gelandet bin, was für mich ein echtes Glück war.

Was ist bei uns anders als in Afghanistan?

Alles ist anders, die Menschen, die Gebäude, die Toiletten. Erstaunt hat mich auch, dass du hier einfach Alkohol kaufen und trinken kannst und niemand das hinterfragt. Dafür fragt hier jeder: Was ist dein Beruf? Bei uns ist es nicht so wichtig, was einer gelernt hat, denn ein Ingenieur arbeitet auch in der Landwirtschaft. Dafür gibt es hier mehr Bürokratie, man verbringt viel Zeit auf den Ämtern. Glücklicherweise hilft mir Filiz dabei und inzwischen gehe ich auch auf die Schule.

Was hast du für Pläne?

Erst einmal die Schule beenden und dann möchte ich am liebsten Medizin studieren. Das ist ein langes Studium, was für mich problematisch ist, denn auf der anderen Seite möchte ich gern so schnell wie möglich Geld verdienen, um meine Familie zu unterstützen.