Pfennig1Interview mit Kay Pfennig (43). Herr Pfennig arbeitet seit 2009 als Vorschullehrer an der Grundschule Trenknerweg, wo es drei Vorschulklassen gibt. In die Klasse von Kay Pfennig kamen im Herbst 2015 zwei kleine Jungen, die beide mit ihren Familien in der Flüchtlingsunterkunft am Holmbrook wohnen.

Das Interview haben wir mit Kay Pfennig im Stuhlkreis in seinem Klassenzimmer geführt, zwischen Bastelarbeiten aus Holz, Klassenfotos und vielen bunten Bildern.

Wann kamen die ersten Flüchtlingskinder 2015 an die Schule und ab wann wussten Sie, dass Sie Geflüchtete bekommen?

Erst kurz bevor die Kinder in die Schule kamen, haben wir davon erfahren. Die Kinder kamen zu unterschiedlichen Zeitpunkten, etwa so um die Herbstferien herum im Oktober. Wir hatten noch Plätze frei als die Anfrage vom Holmbrook an die Schulleitung herantragen wurde und so konnten alle Plätze bedient werden. Eine Woche nach der Anfrage kamen schon die ersten zwei Kinder. Die letzten beiden Kinder kamen im Januar.

Wie viele Kinder sind in Ihrer Klasse und aus welchen Ländern kommen sie?

Insgesamt sind acht Kinder in der Vorschule. In meine Klasse kamen ein Pfennig3Junge aus Afghanistan und ein Junge aus Syrien. Mittlerweile hat der syrische Junge die Schule gewechselt, weil seine Eltern am Holmbrook ausgezogen sind. Sie haben eine eigene Wohnung in einem anderen Stadtteil bezogen. Die Kinder in den beiden Nachbarklassen kommen aus Mazedonien, Albanien, Afghanistan, dem Irak und aus dem Kosovo.

Wie wurde die Ankunft der Kinder vorbereitet? Haben Sie eine Art Hilfe an die Hand bekommen, eine spezielle Einführung in die Arbeit mit Flüchtlingen durch die Schulbehörde oder die Schulleitung?

Von der Schulbehörde haben wir am Anfang nichts gehört. Das ist aber auch in der Situation, in der sich Hamburg befunden hat, normal. Am Anfang mussten wir einfach improvisieren und waren ziemlich auf uns allein gestellt. Die Schulleitung hat uns da sehr unterstützt, weil sie die Stunden für den Deutschunterricht schon frühzeitig freigegeben hat. Außerdem hat uns das Kollegium sehr unterstützt, immer wenn ein/e Kollege/Kollegin Zeit hatte, sind sie zu uns in die Klassen gekommen. So konnten wir für jedes Kind extra Stunden Deutschunterricht anbieten. Die Kinder sind dafür entweder aus dem Unterricht herausgenommen worden, oder die Lehrer haben im Klassenzimmer mit ihnen gearbeitet, je nach Bedürfnis des Kindes.

Dann hat uns die Schulleitung auch etliche Fortbildungsveranstaltungen an die Hand gegeben, die von der Schulbehörde und vom LI, dem Lehrerinstitut, angeboten werden. Hier ging es vor allem darum, wie man Traumatisierungen erkennt und damit umgeht. Das ist für mich allerdings kein Neuland, weil ich als Vorschullehrer auch Sozialpädagoge bin. Da hat man diese Themen bereits im Studium gelernt.

Wie haben Sie die Kinder in den ersten Wochen hier erlebt?

Ich spreche jetzt nur von den Kindern in meiner Klasse, weil ich sie die meiste Zeit erlebt habe.
Die beiden Jungs waren sehr offen und haben sich gefreut, dass sie in die Schule dürfen. Die Eltern waren auch froh und uns sehr zugewandt. Ich habe dann erst einmal versucht, es den beiden Kindern bei mir in der Klasse schön zu machen, so dass sie Erlebnisse hier in der Schule hatten, die sie positiv mit der Schule verbinden. Pfennig2Da gibt es so ganz einfache Beispiele: Die Kinder in der Vorschulklasse haben einmal die Woche in der Pause „Rote Flitzerautos“ mit denen sie fahren dürfen. Das mögen die beiden Jungs besonders gerne und durften in der ersten Zeit jede Pause damit herumfahren. Ich war in ihren ersten Wochen mit in den Pausen auf dem Schulhof. Ich habe die Kinder auch auf den Schultern getragen oder mit ihnen Dinge gemacht, die sie besonders mögen, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Am Anfang konnten die beiden gar kein Deutsch. Ich habe ihnen in den ersten Tagen ganz grundlegende Dinge erklärt und beigebracht: Wo ist die Toilette? Was sagt man, wenn man auf die Toilette muss? Wie heißen bestimmte Begriffe, z.B. Schuhe, Jacke, Tisch, Stuhl, Stifte. Laufen, Sitzen usw. Das war am Anfang wichtig, damit sie sich nicht verloren vorkommen.

Wie funktioniert die Integration in die Gruppe?

Die anderen Kinder habe ich versucht als Unterstützer zu gewinnen. pfenning4Das war am Anfang eher schwierig, weil die anderen Schulkinder in der Klasse Berührungsängste hatten. Sie wussten nicht genau, wie sie mit der Situation umgehen sollen, wenn man jemanden trifft, der überhaupt nicht ihre Sprache spricht. Das hat sich aber relativ schnell gegeben. Schwierigkeiten gab es am Anfang vor allem beim gemeinsamen Spiel. Die beiden Flüchtlinge mussten erst einmal gucken, wie Spielsituationen funktionieren und lernen, sich an die Regeln der anderen Kinder zu halten. Es gab viele Konflikte am Anfang, was sich nach und nach abgebaut hat. Die Integration wurde von Tag zu Tag besser. Das hat man daran gemerkt, dass alle Kinder am Anfang immer nur von „der Flüchtling“ gesprochen haben und nicht die Namen der beiden Jungs verwendet haben. Jetzt werden nur noch die Namen benutzt. Das ist sozusagen ein Integrationsprozess, den beide Seiten gehen müssen. Und es ist gut, dass pro Klasse nur zwei bis drei Kinder aufgenommen worden sind. Bei dieser Anzahl der Kinder kann man als Lehrer gut seine Hilfe zur Integration leisten.

Wie haben sich die Kinder entwickelt? Wie empfinden Sie den emotionalen Zustand der Kinder? Gibt es Momente, in denen Sie Kindern die Folgen der Fluchterfahrung anmerken?

Beide Kinder haben sich gut entwickelt, sowohl was die Sprachkompetenz anbelangt, als auch in sozialer Hinsicht. Der emotionale Zustand ist schwer zu beurteilen. Beide Kinder gehen sehr gerne in die Schule. Ich kann aber wieder nur für die beiden Jungs in meiner Klasse sprechen. Der eine Junge ist mit seiner Familie nachgereist und der andere Junge hat die gesamte Flucht mitgemacht. Beide Jungs machen einen fröhlichen Eindruck und wirken emotional stabil.

In den anderen beiden Klassen ist das etwas anders. Hier gibt es auch traumatisierte Kinder. Wenn Erinnerungen an die Flucht hochkommen, weint ein Kind sehr stark oder bekommt Wutausbrüche. Aber auch diese Kinder haben große Fortschritte gemacht.

Wo sehen Sie Probleme und was funktioniert Ihrer Meinung nach gut?

Es ist wie gesagt wichtig, dass die Anzahl der Flüchtlingskinder pro Klasse gering bleibt, denn nur so ist eine gute und schnelle Integration möglich. Eine Extra-Betreuung ist wichtig, damit alle Kinder ungestört arbeiten können und jedes Kind zu seinen Rechten kommt. Man muss als Lehrer einen ganz schön großen Spagat machen, um allen die gleiche Aufmerksamkeit zu geben. Da ist es sehr hilfreich, wenn extra Lehrkräfte unterstützen. Diese können beispielsweise auch mit zwei Kindern allein arbeiten oder für die gesamte Klasse unterstützend da sein. Hilfreich für die Sprachentwicklung ist es auch, dass in eine Klasse nicht mehrere Flüchtlingskinder der gleichen Muttersprache, aber ohne Deutschkenntnisse, aufgenommen werden.

Ein Thema, was mich persönlich besonders beschäftigt hat, ist der Gesundheitszustand der Kinder. Auf der Flucht ist vieles schwierig wie z.B. Körperhygiene und gesunde Ernährung. Bei manchen Kindern waren die Zähne in einem schlechten Zustand und sie litten unter Zahnschmerzen. Ich bin mit dem einen Jungen aus meiner Klasse und seinem Vater zum Zahnarzt gegangen, weil das Kind offensichtlich starke Schmerzen hatte. Ich wollte sicher gehen, dass ihm schnell geholfen wird. Aufgrund der Sprachbarriere werden Flüchtlinge häufig nicht so gut über die unterschiedlichen Möglichkeiten der Behandlung informiert. In solchen Fällen ist es wichtig, dass man als Lehrer unterstützend wirkt.

Was würden Sie anders machen wollen?

Ich bin ganz zufrieden so wie es gelaufen ist. Wir Vorschullehrer tauschen uns regelmäßig aus und sprechen über die Kinder. Die Sonderpädagoginnen sind auch ansprechbar, wenn es Probleme gibt. Tolle Unterstützung haben wir auch vom Elternrat bekommen. Die Kinder brauchten bei ihrer Ankunft zum Winter hin natürlich auch eine Erstausrüstung an warmen Anziehsachen und anderen Dingen. Als wir beim Elternrat angefragt haben, wurden von den Eltern in kürzester Zeit Schneehosen, Regenjacken, Rucksäcke und so weiter organisiert. Hier gibt es eine tolle Zusammenarbeit und eine große Bereitschaft zu helfen.

Schwieriger war es teilweise bei der Kommunikation mit den Mitarbeiterinnen vom Holmbrook. Durch den häufigen Wechsel der Ansprechpartnerinnen konnten manche angesprochenen Themen nicht weiter verfolgt werden.

Ihr Fazit?

Im großen Ganzen bekommt man Unterstützung, wenn man sie braucht, von den Eltern, von der Schulleitung, vom Holmbrook. Wir haben zusammen mit der Schulleitung das bestmögliche Paket für die Kinder geschnürt. Was möglich ist, wird möglich gemacht. Nach meiner Erfahrung aus dem letzten Jahr denke ich, dass man das als Vorschullehrer gut wuppen kann. Voraussetzung hierfür sind nur zwei bis drei Kinder pro Klasse und einige Stunden in Doppelbesetzung pro Woche.

Interview-Reihe DIE HOLMBROOKER – Kay Pfennig, Vorschullehrer Trenknerweg