DIE HOLMBROOKER

Die Redaktion von Holmbrook.de stellt in unregelmäßigen Abständen Bewohner, Nachbarn und andere Menschen vor, die mit der Wohnunterkunft und der Straße Holmbrook verbunden sind. Unsere Interviewreihe beginnt mit einem Bewohner der Unterkunft, der schon nach kurzer Zeit eine Wohnung gefunden und sich damit auf eigene Füße gestellt hat.

Das Interview mit Herrn Kawa Khalaf fand am 21.11.2015 in der Wohnung von Herrn Khalaf statt.

 

_DSC4976k_-Kawa-im-GesprächWoher kommen Sie?

Ich komme aus Syrien, aus der kleinen Stadt Amouda. Das ist im Nordosten von Syrien. Hier leben viele Kurden. Ich bin auch Kurde. Ich komme aus einer Familie mit 10 Kindern. Ich bin das 8. Kind. In Syrien bin ich zur Universität gegangen und habe dort 2011 meinen Hochschulabschluss als Agraringenieur gemacht. Leider habe ich nicht in Syrien gearbeitet, sondern ich bin in den Irak geflohen, weil in Syrien der Bürgerkrieg ausbrach. Aus meiner Familie bin ich der Einzige in Deutschland. Meine Schwestern leben im Irak, ein Bruder lebt in Dubai, mein anderer Bruder lebt auch im Irak. Mein jüngster Bruder wollte nach Deutschland kommen. Aber meine Mutter ist 65 Jahre alt und alleine. Er wollte sie nicht alleine lassen, deshalb kommt er nicht nach Deutschland. In Syrien bleibt immer ein Sohn oder eine Tochter bei der Mutter. Mein Vater ist vor einem Jahr gestorben.

Warum sind Sie geflohen?

In Syrien war Bürgerkrieg. Im Irak ist es sehr schwer, eine Arbeit zu finden und das Leben im Irak ist sehr schwer. Ich habe 2 Jahre im Norden des Irak gelebt, in der autonomen Region Kurdistan. Hier habe ich im Hotel gearbeitet. Ich wollte nach Deutschland kommen, weil das Leben im Irak schwierig ist. Im Irak kann man keine Familie gründen. Ich denke an die Zukunft. Im Irak gibt es keine Zukunft. Man kann nicht lernen in der Schule oder an der Uni. Mein Bruder hat 5 Kinder. Es gibt keine Schule für sie. Das hat keine Zukunft. In Deutschland geht man gleich zur Schule, man bekommt Geld und Arbeit.

 

Wie sind Sie nach Deutschland gekommen? Wie sah Ihr Fluchtweg aus?

Als der Bürgerkrieg in Syrien ausbrach, bin ich 2011 in den Irak gegangen, in die autonome Region Kurdistan. 2014 bin ich aus dem Irak nach Deutschland aufgebrochen. Einen Monat lang bin ich zu Fuß und mit dem Auto über die Türkei, Bulgarien, Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland geflüchtet. Ich war nie alleine, sondern ich bin immer in der Gruppe unterwegs gewesen, aber nicht mit der Familie oder Freunden. Ich kannte die Menschen nicht.

In Deutschland bin ich zuerst für 20 Tage in Dortmund gewesen. Von dort wurde ich weitergeschickt nach Hamburg. In Hamburg lebte ich 6 Monate in der Erstaufnahme an der Schnackenburgallee und danach 3 Monate in der Erstaufnahme in Hammerbrook. Sozialarbeiter haben mich nach meinen Sprachkenntnissen und meinem Abschluss gefragt. Danach bin ich in die Folgeunterkunft am Holmbrook in Othmarschen gekommen. Hier habe ich mir mit 4 Personen die Wohnung geteilt, für einen Monat. Am Holmbrook war es sehr schön. Sehr nette Menschen. Mir gefiel das Willkommens-Café sehr gut. Und über die Aktivitäten, wie zum Beispiel den Besuch bei dem Fußballspiel von Altona 93, hat man auch andere Bewohner und Deutsche kennengelernt.

_DSC4933k_Kawa-zeigt-seine-WohnungWo leben Sie jetzt?

Jetzt wohne ich zur Miete in meiner eigenen Wohnung. Gefunden habe ich die Wohnung durch meine Lehrerin an der Sprachschule. Ich habe eine Dringlichkeitsbestätigung bekommen und sie hat der Mitarbeiterin bei der Saga von mir erzählt und hat die Wohnung gefunden. Es ist gut, ja natürlich. Besser als mit vier Personen in einer Wohnung zu leben. Der erste Schritt, um weiter zu kommen und zu planen, ist meine eigene Wohnung. In der Nachbarwohnung wohnt ein älterer Mann mit seiner Frau. Er wohnt schon seit 45 Jahren dort. Als ich gerade eingezogen war, hat er mich gefragt, ob ich etwas brauche. Wenn ja, soll ich nur klingeln. Das fand ich sehr nett von ihm.

Was machen Sie?

Ich gehe jeden Tag zur Sprachschule, zum Intensivkurs. Und ich mache an zwei Tagen pro Woche ein Praktikum im Hotel. In meiner Nähe wohnen zwei Freunde, die ich aus dem Deutschkurs kenne. Wir gehen zusammen zur Schule, einkaufen bei Lidl oder Aldi und essen oft zusammen. Wenn ich koche, rufe ich meinen Freund an und frage, ob er zum Essen kommt.

Warum wollten Sie nach Deutschland?_DSC4956k_Kawa-Katja-und-Walid-beim-Interview

Deutschland ist ein schönes Land. Es ist ein demokratisches Land und die Menschen haben ein großes Herz.

Sie haben drei Wünsche frei. Was wünschen Sie sich? Was ist am wichtigsten?

Erstens, dass ich eine gute Arbeit finde natürlich. Zweitens, dass mein Hochschul-Zertifikat aus Syrien hier anerkannt wird und eingetauscht wird gegen ein Zeugnis, was in Deutschland anerkannt ist. Und drittens wünsche ich mir eine Familie. Ich möchte Heiraten und eine Familie. Ich mag das. Und ich kann Hamburg nicht verlassen. Ich möchte in Hamburg bleiben. Es ist eine schöne Stadt. Ich habe hier meine Freunde.

 

Anmerkung 1 der Redaktion: Herr Khalaf hat in Syrien einen Universitätsabschluss als Agraringenieur gemacht und möchte sehr gerne in der Agrarwirtschaft arbeiten. Wenn sie erfolgversprechende Kontakte zu Betrieben und Institutionen der Agrarwirtschaft in der Region haben oder herstellen können, melden Sie sich gerne bei der Redaktion unter redaktion@holmbrook.de.

Anmerkung 2 der Redaktion: Während des Interviews war Walid Hamdo, ein Freund von Kawa, dabei. Er ist ein Freund aus der Universität. Sie haben sich erst in Hamburg wieder getroffen. Er kommt aus der Stadt Quamischli und hat auch Landwirtschaft studiert. 2009 hat er Examen gemacht. Walid hat in Syrien in der Landwirtschaft gearbeitet. 2012 ist er für ein Jahr nach Istanbul gegangen und 2013 kam er nach Hamburg. Als er Asyl bekommen hatte und einen dreimonatigen Deutschkurs, bekam er eine Arbeit als Spüler im Hotel. Er selber sagt, dass er Kontakt zu Deutschen haben und Deutsch sprechen muss, um schneller die Sprache zu lernen. Walid Hamdo lebt in Pinneberg.

 

 

 

Interview-Reihe DIE HOLMBROOKER – Kawa Khalaf aus Syrien