Seit einem Jahr arbeitet Joachim Dennhardt (50) in der Unterkunft am Holmbrook. Wir führen das Interview in seinem Büro – ein Container mit Blick ins Grüne. Dennhardts Job-Bezeichnung lautet Unterkunfts- und Sozialmanagement. Er erklärt, dass er nicht selber beraten dürfe, sondern nur an die entsprechenden Stellen und Experten weitervermittelt: Verweisberatung nennt sich dieser Ansatz. Im Gespräch klingt immer wieder das wichtigste Credo aller Mitarbeiter am Holmbrook durch: Hilfe zur Selbsthilfe.

Wer lebt zurzeit in der Unterkunft am Holmbrook?

Es sind relativ viele Familien, hauptsächlich aus Afghanistan und Syrien, aber zum Beispiel auch eine WG alleinerziehender Mamas aus Ghana. Ansonsten haben wir auch alleinstehende Männer, das war ja die größte Flüchtlingsgruppe: vor allem aus Syrien, Irak, Iran. Und wir haben eine ganze Menge Eritreer hier. Sowohl Familien als auch alleinstehende Frauen und alleinstehende Männer.

Die Unterkunft gibt es jetzt seit drei Jahren. Einige der Bewohner wohnen noch immer am Holmbrook. Was beschäftigt diejenigen die schon länger hier sind?

Ihre eigenen und eigentlichen Probleme kommen stärker durch. Da ist einerseits natürlich die Ungeduld, nicht in eine Wohnung zu kommen sondern in diesen Camps bleiben zu müssen. Die Wohnungen sind einfach nicht optimal. Die Zimmer, die Aufteilung, das ist alles nicht optimal, das ist auf Dauer eine Belastung. Und dann kommt dazu, dass viele der Bewohner in irgendeiner Form ein Trauma haben und diese Traumata kommen hoch. Das ist ganz unterschiedlich stark, je nachdem wie doll die Bewohner in eine Familie eingebunden sind oder ob die Familie kommt. Wirklich auffällig ist, wenn der sogenannte Familiennachzug passiert, dass vor allen Dingen die Männer sich um 180 Grad wandeln. Also dass sie vorher entweder ganz traurige Menschen und sehr zurückgezogen oder eher aggressiv waren und sich dann sehr zum Positiven ändern. Das ist natürlich schön für uns zu sehen. Aber wir haben dann eben auch andere, wo das alles nicht klappt und die ihre Fluchterfahrungen mitbringen. Wir fragen da ja absichtlich nicht nach, man sollte das nicht tun. Aber einige kommen ja von sich aus und machen nur Andeutungen: das muss grausam sein, was in Libyen passiert, vor allen den Eritreern. Da gibt es viele, die sehr sehr in sich gekehrt sind und das wird nicht weniger.

Im ersten Jahr hatten alle Bewohner noch feste Strukturen, die sie abarbeiten müssen, aber wenn das dann vorbei ist und sie durch den ersten Deutschkurs gerasselt sind und durch den zweiten auch, dann ist der Frust sehr hoch. Einige werden aggressiver oder ziehen sich immer weiter zurück und man kommt ganz wenig an sie ran und sieht sie nur noch, wenn sie Waschmarken kaufen und sowas passiert leider auch. Andere sind erfolgreicher, lernen Deutsch, fangen dann auch an mit uns über andere Sachen zu reden. Man merkt es, dass das vielleicht doch alles komplizierter ist als vorher angenommen oder eben auch natürlich auch das Frustpotenzial ziemlich groß ist.

Was ist Ihnen und Ihren Kollegen wichtig bei der Arbeit mit den Bewohnern am Holmbrook?

Mit den wenigen Mitteln die wir haben versuchen wir viel zu erreichen. Aber wir müssen den Bewohnern auch klarmachen, dass sie sich selber bemühen müssen. Nur dann haben sie auch eine Chance weiter zu kommen – ganz explizit bei der Wohnungssuche. Am Anfang fragten sie uns häufig, kannst Du bitte einen Termin machen? Ich rate Ihnen dann, das selbst zu machen. Der Vermieter wird denjenigen bevorzugen, der oder die selber einen Termin gemacht hat statt denjenigen, der jemand anderen vorgeschickt hat. Und das Deutsch der meisten ist so gut, dass sie selber einen Termin vereinbaren können.

Das liegt auch ein bisschen am System. In den Erstaufnahmen hilft man noch sehr sehr viel. Da ist natürlich auch noch viel Unterstützung notwendig. Wenn die Flüchtlinge dann hier her kommen denken sie das bleibt so. Aber wir können hier nur Verweisberatung in erster Linie anbieten, also nicht selber beraten, sondern an die entsprechenden Stellen weiter verweisen. Wir versuchen den Leuten eben nahezubringen, dass sie selber mehr tun müssen: Lernt Deutsch, daran führt kein Weg vorbei. Ihr müsst den Mut haben und fragen.  Die Leute sind hilfsbereit, wenn Ihr jemandem um Hilfe bittet wird selten jemand nein sagen. Wichtig ist zu sagen: Wir können nicht und Du musst selber. Irgendwann bist Du hier weg und dann gibt es keine Hilfe von uns mehr. Das ist vielen Leuten nicht so klar.

Wir merken auch – und das ist das Schöne – dass sie auch untereinander anfangen sich viel viel mehr zu helfen. Das war auch zu Anfang noch nicht unbedingt so.

Gibt es auch Konflikte unter den Bewohnern?

Klar versuchen wir eine größtmögliche Harmonie hinzubekommen und sorgen auch insofern dafür, dass wir die Belegung der Wohnungen ändern wenn wir merken es gibt dort Konflikte. Es sind ja immer 3- oder 4-Zimmer Wohnungen und wir können nicht immer alles nach Nationalität aufteilen. Mit gemischten WGs haben wir aber auch schon supertolle Erfahrungen gemacht. Wir haben jetzt zu Weihnachten von einer WG, die aus verschiedenen Nationalitäten bestand, eine Danksagung bekommen: wie toll die Zusammenarbeit war und wie toll wir das hinbekommen haben. Das sind solche Highlights, wo man vor Freude in die Luft springen möchte. Das Schönste ist von Anfang an die Dankbarkeit, wie froh die Leute sind wenn sie aus den Erstaufnahmestellen hier her kommen und selber kochen können, das ist eine ganz profane Sache, aber das merkt man.

Ist die Unterkunft am Holmbrook in den drei vergangenen Jahren ein Teil von Othmarschen geworden?

Tja, das ist wirklich schwer einzuschätzen. Wir merken natürlich, dass die Anwohner uns wahrnehmen, leider merkt man es natürlich in erster Linie über die negativen Feedbacks. Aber so grundsätzlich merke ich es natürlich auch an den Ehrenamtlichen, die hier tätig sind. Die kommen ja auch hier aus der Ecke. Klar das ist natürlich toll. Gerade bröckelt es auch etwas, weil Deutschkurse nicht mehr notwendig sind, weil die Bewohner jetzt verpflichtet sind bestimmte Deutschkurse machen zu müssen. Aber es gibt noch andere Einsatzgebiete die gut wären: Wohnungssuche, Jobsuche und solche Sachen. Da bräuchte es noch mehr Unterstützung, obwohl die Holmbrooker da schon viel leisten. Aber grundsätzlich gibt es da eben Bedarf und den können wir gar nicht leisten. Es muss halt immer Hilfe zur Selbsthilfe sein. Nur das macht wirklich langfristig Sinn. Irgendwann kommen die Flüchtlinge sonst vor Aufgaben, die sie nicht lösen können. Sie müssen lernen, das in kleinen Schritten selber zu lösen.

Haben Sie einen Wunsch für die Zukunft am Holmbrook?

Was meine Arbeit angeht bin ich wunschlos glücklich. Das einzige was man sagen könnte: dass es mehr Wohnraum geben müsste, dass unsere Bewohner nicht so lange hierbleiben müssen. Wir haben Leute hier, die wohnen hier seitdem es die Unterkunft gibt. Das ist eine Katastrophe. Natürlich gibt es auch Leute die sind nicht in der Lage woanders hinzugehen, das gibt es zweifelsohne. Fördern und wohnen versucht jetzt selber Sozialwohnungen zu bauen und und und, aber das ist eine Herausforderung, von der ich gar nicht weiß wie man die bewältigen will.

Aber sonst nein, der Holmbrook ist auch besonders gut aufgestellt, was die Zusammenarbeit mit den Ehrenamtlichen angeht. Außerdem ist die Unterkunft klein und sehr schön gelegen. Das macht es für alle angenehmer und dass es eben in einem Stadtteil ist, wo es eben auch so viel Engagement da ist von den Ehrenamtlichen, das ist toll.

 

Interview-Reihe DIE HOLMBROOKER: Joachim Dennhardt, Mitarbeiter von „fördern und wohnen“ am Holmbrook

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