DIE HOLMBROOKER

Die Redaktion von Holmbrook.de stellt in unregelmäßigen Abständen Bewohner, Nachbarn und andere Menschen vor, die mit der Wohnunterkunft und der Straße Holmbrook verbunden sind. 

Wir setzen unsere Interviewreihe fort mit Sayed Hashem Qanbari (29 Jahre), ein Familienvater aus Afghanistan, der gemeinsam mit seiner Frau und seinen drei kleinen Kindern nach Deutschland geflohen ist.

Das Interview mit Hashem Qanbari fand am 24. Januar 2016 in der Wohnung der Familie am Holmbrook statt.

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Woher kommen Sie?

Wir kommen aus Afghanistan, aus der Stadt Maidan Shahr. Die Stadt ist in der Region Wardak, ungefähr 30 Minuten Fahrzeit entfernt von Kabul. Wir sprechen Dari.

Was waren die Gründe dafür, dass Sie Ihr Heimatland verlassen haben?

16_FvV_2016-01-24_11-23-51_DSC6376In Afghanistan sind überall die Taliban. Ich wurde von den Taliban unter Druck gesetzt und sollte für sie kämpfen. Unsere Stadt wird von den Taliban beherrscht. Deshalb mussten wir fliehen.  Ich habe unser Haus und unser Auto verkauft und mit dem Geld mit Hilfe meines Vaters Pässe bezahlt und Visa und Flugtickets für den Iran. Wir sind in den Iran geflogen und 20 Tage dort geblieben. Ich hätte dort sicherlich arbeiten können, aber die Lebensbedingungen für unsere Kinder sind dort nicht gut, weil sie keine gute Schulausbildung bekommen. Deshalb wollten wir am liebsten nach Deutschland.

Wie sind Sie geflohen?

14_FvV_2016-01-24_11-22-43_DSC6374Nachdem wir entschieden haben, nicht im Iran zu bleiben, sind wir fünf Tage lang Tag und Nacht zu Fuß gelaufen durch Wälder und Berge bis zur türkischen Küste. Mit einem kleinen Boot sind wir von der Türkei nach Griechenland gefahren und dort drei Tage in einem Camp geblieben.  Dann ging es zu Fuß weiter bis nach Athen und weiter immer zu Fuß über die Grenze nach Mazedonien. Wir kannten den Weg nicht und mussten immer wieder fragen. Ich kann nicht einmal sagen, welche Länder wir noch durchquert haben auf unserer Flucht.  Die Flucht war der Horror, weil ich mir große Sorgen um meine Frau und meine Kinder gemacht habe und 23 Tage nicht geschlafen habe, weil ich ja nachts auf meine Familie aufpassen musste.

W12_FvV_2016-01-24_11-22-11_DSC6372ir waren oft mit Syrern und Iranern zusammen in der Gruppe auf der Flucht. Es war ein großes Risiko. An einem Tag haben wir uns in einem Park ausgeruht mit ungefähr 100 anderen Flüchtlingen. Ich kann nicht sagen, in welchem Land dieser Ort mit dem Park gewesen ist. Ein Mann kam und hat gesagt, dass er uns gegen Bezahlung mit seinem Auto nach Deutschland bringt. Ich wollte unbedingt nach Deutschland, deshalb habe ich mit dem Mann verhandelt. 40,- Euro pro Person haben wir bezahlt für die Fahrt in seinem Auto. Während der Fahrt konnten wir aber nichts erkennen, weil die Scheiben verdunkelt waren. Ich musste dem Mann vertrauen.

Nach 12 Stunden Fahrt setzte er uns morgens um sechs Uhr am Bahnhof in Passau ab. Als ich verstand, dass wir endlich in Deutschland waren, war ich sehr glücklich und unserem Fahrer sehr dankbar. Er hatte meine Familie und mich bis nach Deutschland gebracht. Alles war kein Problem mehr, weil meine Kinder und meine Frau in Sicherheit waren. Unsere Flucht von Athen bis nach Passau hat 12 Tage gedauert.


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In Passau wurden wir zuerst von der Polizei zu einer Polizeiwache gebracht zur Registrierung. Das dauerte bis abends um 18.00 Uhr. Dann sagte uns die Polizei, dass wir mit dem Zug nach München fahren sollten. Unser letztes Geld gab ich für diese Zugtickets aus. Dort bekamen wir dann eine Fahrkarte nach Hamburg. Von Hamburg aus sind wir weitergefahren nach Neumünster, was uns mehrere Afghanen empfohlen hatten. Das war am 12. Mai 2015.

Seit wann sind Sie in Hamburg? Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie in Hamburg?

31_FvV_2016-01-24_13-10-57_DSC6439Direkt am nächsten Tag, am 13. Mai 2015, sind wir in die Erstaufnahmeunterkunft in Harburg gekommen. Am Holmbrook leben wir seit Mitte Oktober 2015.

Wir sind sehr glücklich hier, weil wir als Familie eine eigene Wohnung haben am Holmbrook.  Wir müssen uns natürlich einleben. Die Kinder müssen Geduld haben, sie fragen nach den Großeltern, aber wir haben keinen Kontakt zu meinen Eltern oder den Eltern meiner Frau. Wir machen uns natürlich große Sorgen um unsere Familien. Nur zu der Schwester meiner Frau haben wir Kontakt, da sie in England lebt mit ihrer Familie. Sie hat uns zu Weihnachten besucht.

Mein Sohn Sayed Mahdi (7 Jahre) geht schon in die 1. Klasse und Sayed Hadi (6 Jahre) geht in die Vorschule. Über die Schule haben wir etwas Kontakt zu deutschen Familien. Ich mache einen Intensivkurs Deutsch. Meine Frau ist mit unserem Sohn Sayed Mohsen (3 Jahre) zu Hause.

Ich bin von Beruf Metzger und habe mehrere Jahre als Metzger gearbeitet. In meiner Heimatstadt gehörte mir ein kleiner Metzgerladen und ich würde auch hier gerne wieder in dem Beruf arbeiten. Ich habe aber kein Diplom. Meine Frau Soma bekommt in diesen Tagen unser 4. Kind, ein Mädchen. In ein paar Monaten möchte sie Deutsch lernen.

Nach dem sehr freundlichen und teilweise auch emotionalen Gespräch wurden wir noch mit einem leckeren afghanischen Essen bewirtet. Vielen Dank und viel Erfolg!

 

Interview-Reihe DIE HOLMBROOKER – Hashem Qanbari aus Afghanistan