Wir sind zu Hause mit Basel verabredet, einem Syrer, der seit 2015 in Deutschland lebt.  Zwei Minuten vor dem Termin klingelt es an der Tür. Basel hat einen festen Händedruck und schaut sein Gegenüber beim Gespräch ernst an. Er wägt seine Worte ab, überlegt genau, was er sagt und wie er sich ausdrücken will, seine Stimme ist ruhig, manchmal widerholt er eindringlich Sätze, die ihm wichtig sind.

Ich bitte ihn, seinen vollen Namen aufzuschreiben.

Meinen Vornamen schreibt man wie eine Stadt in der Schweiz, meine Schrift ist eine Sauklaue. (alle lachen)

 Was war dein bestes Erlebnis in der letzten Zeit?

Seit Januar habe ich die Gelegenheit als Praktikant in einer IT-Firma zu arbeiten. Es hat acht Wochen gedauert. Nächste Woche ist mein Praktikum zu Ende. Die Firma ist in Geesthacht. Morgens fahre ich 1,5 Stunden dorthin. Von 8:30 bis 17:00 arbeite ich, mit Mittagspause. Ich habe dort viele Sachen gelernt. Diese Firma arbeitet genau in meiner Spezialisierung mit Betriebssystemen.

Was hast Du beruflich in Syrien gemacht?

Ich bin Informatiker von Beruf. An der Universität von Damaskus habe ich fünf Jahre studiert. Ich habe mein Studium mit Bachelor abgeschlossen, meine Spezialisierung waren Netzwerke und Betriebssysteme. Den Praktikumsplatz habe ich durch meine Bekannte bekommen. Ich habe aber keine Chance in dem Betrieb zu arbeiten, weil er zu klein ist und zu wenige Aufträge hat. Ich möchte gerne irgendwo in einer IT-Abteilung arbeiten.

Wo ist Deine Familie?

Meine Familie lebt noch in Syrien. Kann ich mich einfach vorstellen?

Ich bin Basel und ich komme aus Syrien. Ich bin 28 Jahre alt und ich Ingenieur von Beruf. In Deutschland bin ich seit ca. 2 Jahren. Ich habe zwei Brüder und zwei Schwestern, ich bin der Älteste.

Hast Du im Moment Kontakt zu Deiner Familie?

Ja, nur per Whatsapp. Sie wohnen in einem kleinen Dorf ganz im Süden. Von dort fährt man 40 Minuten nach Damaskus.

 Was war der Auslöser für Deine Flucht und wie bist Du hierhergekommen?

Ich war mit meinem Leben sehr zufrieden. Vor dem Krieg habe ich niemals daran gedacht, Syrien zu verlassen. Doch dann bin ich vor dem Militärdienst geflohen. Nach dem Studium muss man  1,5 bis 2 Jahre zum Militär gehen und das wollte ich nicht. Ich bin nicht aus wirtschaftlichen oder persönlichen Gründen geflohen, ich hatte nur diese Möglichkeit und wurde gezwungen ein neues Leben zu wählen. Ein Bruder von mir ist aus demselben Grund geflohen, er wohnt in Frankfurt/Oder. Mein anderer Bruder studiert zur Zeit noch in Damaskus. In der Schule und an der Uni habe ich etwas Englisch gelernt. Meine Familie wollte, dass ich Syrien verlasse, weil ich dort nicht arbeiten konnte, ohne zum Militär zu gehen.Erst bin ich für 10 Tage in den Libanon gefahren, danach nach Ägypten, dort bin ich ca. ein Jahr geblieben. Mein Verwandter war dort und auch einige Freunde, mit ihnen habe ich zusammengelebt.

Hattest Du ein festes Ziel?

Nein, ich hatte nur die Möglichkeit von einem Land zum anderen zu kommen. Mein Vater hat mir ein bisschen Geld mitgegeben. Die Situation in Ägypten war sehr schwer, weil ich keine Chance hatte, dort zu arbeiten, ich hatte nur ein Touristenvisum und keine Arbeitserlaubnis. In Kairo habe ich versucht meinen Master zu machen, ich habe einen Masterplatz bekommen. Wegen der Revolution kam dann ein Bescheid von der Regierung, dass sie alle Syrer wegschicken. Also bin ich mit Verwandten in die Türkei geflogen, wo ich 7 Monate geblieben bin. Dort durfte ich auch nicht arbeiten, sondern nur zu Hause sitzen. Ich habe versucht Türkisch zu lernen, aber das war sehr schwer für mich. Ich finde Deutsch viel einfacher als Türkisch. Meine Situation wurde sehr schwierig, weil ich meinen Pass verlängern musste, aber ich das ging nicht, weil ich ja vor dem Militärdienst geflohen war. Ab da war ich illegal. Danach hatte ich nur die Möglichkeit nach Europa zu gehen. Bis jetzt konnte ich meinen Pass nicht verlängern. Mit dem Flugzeug bin ich dann nach Algerien geflogen, mit dem Bus nach Tunesien gefahren, mit dem Auto nach Libyen, von dort wollte ich mit einem kleinen Boot nach Lampedusa. Das erste Mal ist unser Boot untergegangen, es war sehr klein, 14 Meter lang und wir waren 310 Leute. 180 Leute sind dabei gestorben. Zwei Stunden und zwanzig Minuten habe ich mich über Wasser gehalten.

Ich habe danach eine Rettungsweste gekauft weil ich nicht gut schwimmen kann. Meinen Pass und mein Geld hatte ich bei der Überfahrt in Nylon verpackt. Viermal habe ich versucht, nach Italien zu kommen. Mit einem größeren Schiff bin ich nach Catania gefahren, dann mit dem Zug nach Bologna, so hat es die italienische Regierung entschieden. Danach habe ich meine eigene Entscheidung getroffen und bin nach Verona und dann mit dem Zug nach München gefahren, ich war krank, total kaputt.

Mein Plan war nach Schweden zu reisen, aber mein Geld reichte nur bis Hannover, also bin ich geblieben. Dort bin ich zur Polizei gegangen und habe gesagt: „Ich bin Syrer und ich möchte hier in Deutschland bleiben.“ Der Polizist sagte mir: „Herzlich Willkommen!“ Alle waren sehr nett.

Das Bundesamt hat mich nach Göttingen geschickt und danach nach Hamburg. Sieben Monate war ich in der Schnackenburgsallee, danach in Hammerbrook und dann kam ich zum Holmbrook.

Bis dahin hatte ich gar keinen Kontakt mit Deutschen, hier im ist das anders: Es gibt sehr netten Nachbarn, sie machen am Montag und Donnerstag ein Willkommenscafé. Dadurch habe ich die Möglichkeit bekommen, mich besser zu integrieren.

Ca. 6 Monate habe ich auf alle Papiere und dann nochmal 6 Monate auf den Schulbeginn gewartet, weil die Schule sehr voll war. Innerhalb von diesem Zeitraum durfte ich keinen Deutschkurs besuchen. Im September 2015 habe ich mit Deutsch angefangen und den Integrationskurs gemacht, danach B2. Wir waren nicht mehr als 20 Leute im Kurs. Nach der Schule habe ich zwei Stunden pro Tag Deutsch gelernt, am Wochenende 18 Stunden. Wenn ich mit Deutschen spreche, fragen sie seit wann ich hier bin. „Für zwei Jahre sprichst Du sehr gut“, sagen sie.

Aber ich finde mein Deutsch noch schlecht, das Problem ist, dass ich keinen Kontakt mit Deutschen habe. In meiner Unterkunft spreche ich die ganze Zeit Arabisch.

Was sind Deine drei wichtigsten Wünsche im Moment?

Fließend Deutsch sprechen, Arbeit und Wohnung, das ist das Wichtigste. Ich bin enttäuscht, weil ich schon so lange hier bin und noch keine Arbeit und keine Wohnung gefunden habe. Einmal habe ich in einer WG mit einer deutschen Frau zusammengewohnt und dort schlechte Erfahrungen gemacht. Sie war sehr unfreundlich. Ich bin dort eingezogen um Deutsch zu sprechen, aber sie hat mir nur „Hallo“ gesagt und über Zettel mit mir kommuniziert.

Ich bin gekommen um zu arbeiten, selbst Geld zu verdienen und ein neues Leben zu haben. Bei vielen Firmen habe ich mich beworben und bisher keine Chance bekommen. Die Antwort war, wir wünschen Ihnen alles Gute.

Ich halte es in der Unterkunft nicht mehr aus. Ich kann dort nicht gut schlafen, weil die Menschen keine Rücksicht aufeinander nehmen, auch nicht in der Nacht. Ich kann dort nicht für meine berufliche Zukunft im IT Bereich lernen, weil ich keinen Internetanschluss habe.

All das ist Voraussetzung, dass ich hier Fuß fassen und mich integrieren kann!

Wie soll Dein Leben in fünf Jahren aussehen?

Ich habe vieles verloren aber meine Träume behalte ich immer noch. Ich möchte sie verwirklichen, damit ich aktiv in der Gesellschaft wirken kann. Ich  möchte fair wie alle anderen Menschen behandelt werden.

Ich finde Euer Land und Eure Gastfreundschaft auch ganz toll. Aber ich träume davon, in meine Heimat zurückzugehen. Jeder sehnt sich nach seiner Heimat.

Ich schätze Deutschland sehr, weil es uns geholfen hat und die Deutschen ihre Türen für uns geöffnet haben. Ich hoffe, dass Ihr mich gut versteht. Ich danke Euch für Eure Zeit und für Eure Aufmerksamkeit und wünsche Euch alles Gute!

 

 

 

Interview-Reihe DIE HOLMBROOKER – Basels langer Fluchtweg von Syrien nach Hamburg