Ich war fremd… – die Flüchtlinge und wir“ lautete das Thema eines Missionskonvents, dass das Zentrum für Mission und Ökumene (ZMÖ) am 18.4. veranstaltete. Der Referent Dietrich Gerstner vom ZMÖ übernahm die Aufgabe Informationen und Fakten zu präsentieren, um sich dem komplexen Thema „Flüchtlinge“ zu nähern – auch wenn sie reale Begegnungen nicht ersetzen können.

Im Folgenden stellen wir einige zentrale Punkte seines Vortrages heraus, die Sie vielleicht ermuntern, sich weiter zu informieren. Das vollständige Redekonzept von Dietrich Gerstner können Sie hier als pdf-Dokument herunterladen.

 

Von welchen Prämissen geht Gerstner aus?

Gerstner zitiert dazu Irene Dänzer-Vanotti: „Alle Menschen auf der Erde haben also einen Migrationshintergrund, weil ihre Vorfahren – wann auch immer das war – sich von einem Wohnort aus aufmachen mussten und irgendwohin zogen, wo es besser schien, für Monate, für Jahre, für ganze Generationen. Und irgendwann brachen sie wieder auf. […] Fliehen ist in die Menschheitsgeschichte eingeschrieben. Jeder Mensch würde fliehen, wenn sein Leben – und, schwerwiegender, das seiner Kinder – bedroht wäre, durch einen Krieg, einen Vulkan oder ein zerstörtes Kernkraftwerk. Etwas Besseres als den Tod finden wir überall. Seltsam nur – und traurig – dass die Menschen, kaum sind sie einige Jahre sesshaft und in Sicherheit, die Erinnerung an ihre eigenen Fluchtwege zu tilgen scheinen.“

 

Warum Asyl?

Gerstner stellt dann klar, dass es bei bei dem Hilfe-Gesuch der Flüchtlinge um ein Grundrecht geht. Art 16a GG: „Politisch Verfolgte genießen Asyl.“ Und um ein Menschenrecht der AEMR, Art. 14: „Alle Menschen haben das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu genießen.“

Solch ein Grund- und Menschenrecht kann mensch nicht dadurch „missbrauchen“, indem mensch es beantragt. Der Vorwurf des Asyl-Missbrauchs liegt eher bei PolitikerInnen, die dieses behaupten.

Inzwischen sei die Rechtslage insgesamt besser als seit vielen Jahren, so Gerstner weiter, sowohl im deutschen als auch im europäischen Recht: Asyl bekommen heute zum Beispiel auch Menschen, die unter nicht-Staatlicher Verfolgung oder geschlechtsspezifischer Verfolgung leiden. ABER: Es gibt (nach wie vor) keinen legalen Zugang zu diesem Schutzraum. Die vielen Toten im Mittelmeer erinnern uns immer wieder aufs Neue daran.

 

Woher kommen die Flüchtlinge? Weltweite Zahlen und Trends

  • Seit 2013 erleben wir weltweit die höchsten Flüchtlingszahlen seit dem zweiten Weltkrieg. 2014 waren vermutlich ca. 56-57 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht (offizielle Statistik erst im Juni 2015).
  • Die Hauptherkunftsländer (Top 10) sind: Syrien (über 3 Mio. und über 6 Mio. Binnenvertriebene!), Afghanistan, Somalia, Sudan, Süd-Sudan, Dem. Republik Kongo, Myanmar, Irak, Kolumbien und die Zentralafrikanische Republik.
  • Die Hauptaufnahmeländer (Top 10) sind: Pakistan, Libanon, Iran, Türkei, Jordanien, Äthiopien, Kenia, Tschad, Uganda, China (v.a. 300.000 VietnamesInnen) Das heißt über 85% aller weltweiten Flüchtlinge werden in Ländern des globalen Südens aufgenommen. Die wohlhabenden Industriestaaten nehmen nur einen geringen Teil der vor den Konflikten in ihren Ländern flüchtenden Menschen auf.
  • Zum Vergleich: die Zahl der Flüchtlinge pro 1000 EinwohnerInnen: Libanon (257), Jordanien (114), Tschad (39), Djibouti (25), Süd-Sudan (24), Malta (23), Mauretanien (22), Iran (13), Schweden (12), Kongo (12), Montenegro (12), Türkei (11), Kamerun (11), Jemen (11), ….. Deutschland (ca. 2).

 

Zahlen für Deutschland

  • Deutschland hat die meisten Asylanträge unter den 44 industrialisierten Nationen, noch vor den USA und allen anderen europäischen Ländern!
  • ABER: Nicht jeder Asyl-Bewerber(in)/-Suchende ist asylberechtigt (nur politisch Verfolgte) bzw. erhält den Flüchtlingsstatus (Menschen, denen wegen ihrer Rasse, Religion oder der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe in ihrem Heimatland Gefahr droht).
  • Ob ein Bewerber asylberechtigt ist, ob er den Flüchtlingsstaus erhält oder ob ihm beides verweigert wird entscheidet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) aufgrund von Länderdossiers.
  • Hauptherkunftsländer (Top 10) der Asylsuchenden in Deutschland: Syrien (39.332), Serbien (17.172), Eritrea (13.198), Afghanistan (9.115), Albanien (7.865), Kosovo (6.908), B.u.H. (5.705), Mazedonien 5.614), Somalia (5.528), Irak (5.345) => das macht 66,9 % aller Asylanträge aus

 

Forderungen für eine humane Flüchtlingspolitik, die der „Friedenslogik“ und den Menschenrechten folgt und die Migration und Flucht als Aufgabe der Gestaltung annimmt:

  1. Es braucht sichere Zugangswege zum Asyl- und Schutzsystem in Europa.
  2. Mehr Resettlement aus Drittstaaten (+ Relocation innerhalb der EU).
  3. Ausbau der Seenotrettung im Mittelmeer und Ägäis.
  4. Abschaffung des Dublin-Systems: Freie Wahl statt Asyllotterie.
  5. Flucht und Migration in der EU und BRD als eigenes Politik-Feld, das

dem Feld der Integration bzw. des Menschenrechtsschutzes zugeordnet ist (und nicht der Inneren Sicherheit).

  1. Europaweite Anerkennung der Flüchtlings-Eigenschaft mit kompletter Freizügigkeit.
  2. Zuwanderungsrecht in der EU (nicht nur für Hochqualifizierte).
  3. Faire Handels- und Politikbeziehungen zwischen Europa (Norden /

Westen) mit dem globalen Süden (hier: bes. Afrika).

  1. Rüstungsexporte stoppen.
  2. Verdoppelung der bisherigen Entwicklungshilfe auf die seit Jahrzehnten versprochenen 0,7 % des BSP.

 

Was können Initiativen und Gemeinden tun?

  • Begegnungsmöglichkeiten schaffen, Beteiligung ermöglichen, Integration vor Ort im Gemeinwesen
  • Verbindung von professionellem Sprachunterricht mit ergänzenden Lernangeboten
  • Unterstützung der Kinder und Jugendlichen im Hinblick auf Kita- und Schulbesuch (Hausaufgabenhilfen, etc.) und Freizeitangebote
  • Unterstützung in der Begleitung bei Behördengängen und im Asylverfahren
  • Hilfe bei der Integration in den qualifizierten Arbeitsmarkt
  • Hilfe bei der Wohnungssuche
  • Unterstützung in der Begleitung im Gesundheitssystem
  • Frei-Räume anbieten
  • und vieles mehr…

 

Das vollständige Redekonzept von Dietrich Gerstner finden Sie hier zum Download.

Flüchtlinge – Informationen und Fakten von Dietrich Gerstner vom Zentrum für Mission und Ökumene