gemeinschaftsraumWas war das aufregend vor einem Jahr!

Über 61.000 Flüchtlinge kamen nach Hamburg. Für die einen der Untergang des kompletten Abendlandes, für die andere die eine große Chance, den demographischen unterernährten deutschen Arbeitsmarkt mit höchstqualifizierten Arbeitskräften zu unterfüttern.

September 2015: Endlich sollten sie kommen, die Flüchtlinge – auch zu uns nach Othmarschen. Aufregend!

Über ein halbes Jahr hatten wir uns vorbereitet. Dem Deckel sei Dank! Da diverse statische Fragen zu klären waren, hatten wir viel Zeit zu überlegen, was nötig, möglich und wahrscheinlich wäre am Holmbrook.

Und wir hatten über ein halbes Jahr Menschen zu vertrösten, die so gern “was für Flüchtlinge” tun wollten. Manch einen haben wir wahrscheinlich vergrätzt, der sich dann enttäuscht einem anderen Projekt zuwandte.

Wie wir uns vorbereitet hatten, lesen Sie hier. Immer wieder sagten wir: “Bei aller Planung müssen am Ende unsere Konzepte zu den Flüchtlingen passen und nicht die Flüchtlinge zu den Konzepten.” So war es dann auch: Nicht alle Pläne konnten wir umsetzen, aber viele. Die Struktur griff. Als der Träger der Unterkunft, fördern und wohnen (f&w), auf den Plan trat, konnte er auf ein fertiges Netz von Ansprechpartnern und Adressen zurückgreifen.

maenner_beim_einzugWir merkten: Wir alle machen das hier zum ersten Mal. Das galt auch für den Träger der Einrichtung. Die Menge Mensch, die 2015 plötzlich in Hamburg stand und Raum in der Herberge suchte, war  für Behörden und auch für f&w eine neue Dimension. Wie denn auch nicht!! Die ganze Zeit waren uns Holmbrookern die Kontakte zum Bezirksamt eine wertvolle Hilfe und Stütze – Ich behaupte,weil wir beide dasselbe Ziel hatten: Es ging uns um langfristige Integration von Menschen, die aller Voraussicht nach viele Jahre nicht mehr in ihr Heimatland zurück kehren können. Das bedeutet: Unser Bezirk, unser Stadtteil ist in der Pflicht, gute und nachbarschaftliche Strukturen aufzubauen.

Auf “höherer Ebene” waren die Ziele anders gesteckt: Hier ging es um die Verwaltung und Unterbringung Zigtausender. Das band bei f&w viele Kräfte, so dass hier der Gedanke der Integration in den Stadtteil auch bei Folgeunterkünften zweitrangig war.

Es war nicht immer einfach. Es menschelte. Auch im Stadtteil. Erfreulicherweise gab es nur wenige, die sich gegen die Unterkunft am Holmbrook aussprachen. Erfreulicherweise kam es auch nicht zu von einigen befürchteten Problemen. Weder erhöhte sich die Kriminalitätsrate noch kam es zur “Vermüllung” des Geländes. Die Bürgernahen Beamten können das bestätigen: Die 200 Menschen fallen nicht groß auf, vielleicht an der Busstation, vielleicht auf dem Spielplatz, ansonsten bekommt man wenig davon mit, dass wir neue Nachbarn haben.

Die Hilfsbereitschaft war und blieb hingegen lange Zeit ungebremst.

2015-09-24_10-45-44_FvV_DSCN0371Viele wollten am Anfang so gern helfen – notfalls auch im Alleingang. Kistenweise wurden unaufgefordert Spenden vor der Unterkunft abgeladen. Es dauerte Wochen, bis wir gemeinsam mit f&w vermitteln konnten: Integration sieht anders aus. Integration bedeutet: Wir leben in einem Stadtteil als Nachbarn und nicht als Spendenempfänger und Spender. In einer Folgeunterkunft sollten Menschen nicht mehr auf Spenden angewiesen sein, sondern nur noch auf Anwohner, die einem bei Bedarf helfen, sich in einem fremden Land zurechtzufinden.

Die ersten Monate waren von großer Fluktuation geprägt. Viele Bewohner blieben nur kurze Zeit, so mancher wurde über Nacht abgeschoben. Auch, wenn jeder weiß, dass nicht jeder Mensch bei uns Asyl bekommt: Manchmal war es für die Ehrenamtlichen schwer, sich von gerade lieb gewonnen Familien zu trennen.

Gleich in den ersten Bezugswochen war das Café-Team präsent, um Kinder zu betreuen, wenn die Großen den Papierkram erledigten, Kaffee zu kochen, erste Frage zu klären und auch kleinere Besorgungen zu machen.

Daraus erwuchs über die Monate ein regelmäßiger Cafébetrieb: Menschen aus allen Ländern treffen sich montags und donnerstags. Es gibt Raum für Kontakte, Spiele, Fragen, Hausaufgabenhilfe und und und…

Das Café wurde zu einem Standbein der ganzen Arbeit. Hier kann schnell und unbürokratisch Hilfe geleistet werden.

Daneben: Die Deutschkurse. Es dauerte eine ganze Zeit, bis wir uns mit f&w auf ein Konzept verständigen konnten: Der Deutschunterricht dient als Ergänzung für die staatlich vorgeschriebenen Kurse. Die Unterrichtenden haben sich jeden Tag auf Schüler mit sehr unterschiedlichen Vorkenntnissen einzustellen. Wer vormittags das Gemeindehaus der Christuskirche besucht, sieht Menschen, die gemeinsam lernen, spielen, Kaffeetrinken oder Obstsalat bereiten – das alles in einer sehr fröhlichen und wertschätzenden Atmosphäre.

Neben dem Deutschunterricht und dem Café sind die vielen kleinen Dienste, die ich an dieser Stellen nicht alle aufzählen kann: Begleitung bei Ärzten und Behörden, Unterstützung in juristischen Fragen (jenseits des Asylrechts), Hilfen im Alltag: Kita, Familienfeste, Job- und Praktikavermittlung, urban gardening, Öffentlichkeitsarebeit…

Roni_DSC7144Bei all dem sind wir als Holmbrooker nicht allein, sondern mit anderen Einrichtungen des Stadtteils vernetzt. Viele andere Initiativen suchen seit einigen Monaten in ganz Hamburg den Schulterschluss, um gemeinsam  Forderungen und Vorschläge in den politische. Prozess einzubringen. Das ist gut. Ganz sicher ist vieles zu verbessern, zum Beispiel in der Frage, welche Rechte und welche Pflichten die Menschen haben, die sich ehrenamtlich engagieren möchten. Bislang gibt es hier ganz verschiedene Antworten, je nachdem wer Träger der Unterkunft ist (f&w, Johanniter, Malteser, DRK…), je nachdem auch, welcher konkrete Mensch eine Einrichtung leitet. Einheitliche Standards wären hier wünschenswert. Und trotzdem bitte weniger Bürokratie! Offiziell immer wieder betont wurde, wie wichtig Freiwilligeengagement in der Flüchtlingsarbeit ist. Doch man mutet diesen Freiwilligen wenig Verantwortung zu: Ich bin der festen Überzeugung, dass wir nicht nur hauptamtliche Ehrenamtskoordinatoren  und  Freiwilligenverträge brauchen. Wir brauchen fest definierte Bereiche, in denen Ehrenamtliche eigenverantwortlich agieren können.

Wir freuen uns, dass wir seit diesem Frühjahr mit den hauptamtlichen  Mitarbeiterinnen von f&w auf so gutem Wege am Holmbrook sind. Vieles ist mittlerweile eingespielt und unproblematisch. Im Juli feierten wir gemeinsam ein Sommerfest – in der nächsten Woche sind viele Bewohner am Holmbrook zu einem Abendessen irgendwo im Stadtteil eingeladen. Es wird alles immer ruhiger und selbstverständlicher. Und unaufgeregter.

Wahrscheinlich haben Sie es auch gelesen: Das Abendland ist letztes Jahr nicht komplett untergegangen. Dem deutschen Arbeitsmarkt fehlen weiter Fachkräfte.

Auch den Holmbrooker fehlt so einiges. Zu aller erst: Möglichkeiten, Menschen in Arbeit und Wohnung zu bringen.

Worüber wir uns auch weiter freuen würden, wären Menschen, die unsere Deutschunterrichtenden und das Caféteam unterstützen.

Mailen Sie uns einfach. Wir freuen uns auf Sie. Und für das nächste Jahr: Nur keine Aufregung. Dann klappt’s auch mit den Nachbarn.

Martin Hofmann

Ein Jahr Wohnunterkunft am Holmbrook – eine erste Bilanz

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